FORSCHUNGSAKTE
Die Wissenschaft der relationalen Aggression
Wenn du je aus einem Gruppenchat ausgefroren wurdest, hinter deinem Rücken besprochen oder bei einer Einladung 'vergessen' wurdest, hat sich dein Selbstgespräch vermutlich zweigeteilt: 'Ist doch nur Drama, stell dich nicht so an' oder 'Sie tun das, weil mit mir etwas nicht stimmt.'
DIE ÜBUNG ANSEHEN
Mach aus einem Gedanken, den diese Forschung erklärt, einen klaren Schritt.
DER GEDANKE
“Sie haben sich ohne mich getroffen — ich werde rausgedrängt”
DEINE AUFGENOMMENE ANTWORT
“Das war ein Treffen. Kein Beweis gegen mich.”
EIN PRIVATER SCHRITT
Lege für zwei Minuten dein letztes Nachrichtenfenster und das zuletzt gesehene Foto nebeneinander. Schreib auf einen Zettel drei Spalten: Beobachtung, Vermutung, offene Frage. Dann lege den Zettel weg, ohne etwas zu senden.
Die Forschung sagt: Beide Skripte sind falsch. Seit 1995 hat die Psychologie einen Namen für Schaden, der über Beziehungen angerichtet wird — relationale Aggression — und die Daten zeigen: Sie ist echte Aggression, sie hört nach der Schule nicht auf, sie zieht sich durch Arbeitsplätze und erwachsene Freundeskreise, und das Gehirn verarbeitet Ausschluss mit Teilen derselben Schaltkreise wie körperlichen Schmerz. Hier ist, was die Ausschlussforschung tatsächlich herausgefunden hat.
Wie sich die Wissenschaft verändert hat
- 1995
Nicki Crick und Jennifer Grotpeter veröffentlichen 'Relational Aggression, Gender, and Social-Psychological Adjustment' in Child Development und benennen die relationale Aggression — anderen über Beziehungen zu schaden, etwa durch Ausschluss und Gerüchte — und zeigen: Ihre Zielpersonen sind stärker abgelehnt, einsamer und depressiver als andere Kinder. ↗
- 1999
Werner und Crick übertragen das Konstrukt mit einer College-Stichprobe im Journal of Abnormal Psychology ins Erwachsenenalter: Relationale Aggression ist unter jungen Erwachsenen verbreitet, und relational aggressive Männer zeigen genauso wahrscheinlich Anpassungsprobleme wie Frauen. ↗
- 2003
Eisenberger, Lieberman und Williams veröffentlichen 'Does Rejection Hurt?' in Science: In einem fMRT-Ballspiel aktiviert Ausschluss den dorsalen anterioren cingulären Cortex — eine Region, die mit dem Leidensanteil körperlicher Schmerzen verbunden ist — und die Aktivität spiegelt wider, wie belastet sich die ausgeschlossene Person fühlt. ↗
- 2010
Murray-Close, Ostrov, Nelson, Crick und Coccaro validieren ein Selbstbericht-Maß für relationale Aggression an 1.387 Erwachsenen: Reaktive relationale Aggression — bei Provokation über Beziehungen zurückzuschlagen — hängt spezifisch mit feindseligen Attributionsverzerrungen und Belastung durch mehrdeutige relationale Kränkungen zusammen. ↗
- 2010
Ostrov und Godleski schlagen in Psychological Review ein integriertes geschlechtsbezogenes Aggressionsmodell vor: Kinder verwenden tendenziell die Aggressionsform, die zu ihren Geschlechterschemata passt — das erklärt durchschnittliche Formunterschiede, ohne relationale Aggression zur 'Mädchensache' zu machen. ↗
- 2015
O'Reilly, Robinson, Berdahl und Banki bringen die Ausschlussforschung in Organization Science an den Arbeitsplatz: Beschäftigte bewerten Ostrazismus als sozial akzeptabler und weniger schädlich als Schikane — doch in den Daten schadet er Zugehörigkeit und Wohlbefinden stärker, und er (nicht Schikane) sagt die tatsächliche Kündigung drei Jahre später vorher. ↗
Was Menschen glauben vs. was die Daten zeigen
Der Glaube“Das ist doch nur Drama, keine echte Aggression — niemand wurde wirklich verletzt.”
Die DatenDie Gründungsstudie von 1995 definierte relationale Aggression als Aggression — absichtlicher Schaden, der über Beziehungen zugefügt wird — und fand: Ihre Zielpersonen waren von Gleichaltrigen stärker abgelehnt und berichteten mehr Einsamkeit, Depression und Isolation als andere Kinder. Der Schaden ist messbar, nicht metaphorisch. ↗
Der Glaube“Das ist ein Teenager-Mädchen-Ding — Erwachsene wachsen da raus.”
Die DatenWerner und Crick fanden relationale Aggression bei Erwachsenen im College-Alter verbreitet, wobei relational aggressive Männer genauso wahrscheinlich Anpassungsprobleme zeigten wie Frauen. Eine Studie mit 1.387 Erwachsenen validierte später Erwachsenen-Maße für Peer-, Partnerschafts-, proaktive und reaktive Formen — das Verhalten begleitet Menschen ins Erwachsenenleben. ↗
Der Glaube“Ausgeschlossen zu werden sollte nicht wehtun — dir ist ja nichts passiert.”
Die DatenIn der fMRT-Studie in Science von 2003 aktivierte der Ausschluss aus einem simplen Ballspiel den dorsalen anterioren cingulären Cortex — eine Region, die am Leidensanteil körperlicher Schmerzen beteiligt ist — und die Aktivierung spiegelte die berichtete Belastung wider. Der Schmerz des Ausschlusses ist ein dokumentiertes neuronales Ereignis, keine Überempfindlichkeit. ↗
Der Glaube“Jemanden auszufrieren ist die höfliche Variante — immerhin schreit niemand.”
Die DatenIn drei Feldstudien mit Beschäftigten bewerteten Menschen Ostrazismus als sozial akzeptabler und weniger schädlich als Schikane — doch die Daten zeigten das Gegenteil: Ostrazismus hing stärker mit verlorener Zugehörigkeit und schlechterem Wohlbefinden zusammen, und er, nicht Schikane, sagte die tatsächliche Kündigung drei Jahre später vorher. ↗
Der Glaube“Wenn sie mich ausschließen, muss mit mir etwas nicht stimmen.”
Die DatenRelationale Kränkungen sind meist mehrdeutig, und Forschung mit Erwachsenen zeigt: Der Kopf füllt diese Mehrdeutigkeit mit Verzerrung. Reaktive relationale Aggression hängt spezifisch mit feindseligen Attributionsverzerrungen zusammen — in unklare Situationen einen absichtlichen Angriff hineinzulesen — und mit Belastung durch mehrdeutige relationale Provokationen. Die selbstsichere Geschichte, die dein Kopf darüber erzählt, warum du ausgeschlossen wurdest, ist oft der unzuverlässigste Teil des Ereignisses. ↗
TESTE_DICH · Wie gut kennst du diese Forschung?
01 Wer benannte 'relationale Aggression' erstmals als eigenständige Aggressionsform, und wann?
Crick und Grotpeters Child-Development-Artikel von 1995 führte relationale Aggression ein — anderen über Beziehungen zu schaden, etwa durch Ausschluss und Gerüchte — in einer Studie mit 491 Kindern der dritten bis sechsten Klasse, und zeigte, dass ihre Zielpersonen abgelehnter, einsamer und depressiver waren als Gleichaltrige. Quelle ↗
02 Was geschah in der fMRT-Studie in Science von 2003 im Gehirn, als Menschen aus einem virtuellen Ballspiel ausgeschlossen wurden?
Eisenberger, Lieberman und Williams fanden den dACC bei Ausschluss aktiver als bei Einbeziehung, wobei die Aktivität mit der berichteten Belastung korrelierte — und schlossen daraus, dass sozialer Schmerz dem körperlichen analog ist und uns vor Schaden an unseren sozialen Verbindungen warnt. Quelle ↗
03 Was fand die College-Studie von Werner und Crick aus dem Jahr 1999 über relationale Aggression bei Erwachsenen?
Werner und Crick fanden relationale Aggression in einer College-Stichprobe verbreitet, und — trotz durchschnittlicher Geschlechterunterschiede — waren relational aggressive junge Männer genauso von Anpassungsproblemen bedroht wie Frauen. Das Verhalten und seine Kosten setzen sich im Erwachsenenalter fort. Quelle ↗
04 Wie schnitt Ostrazismus am Arbeitsplatz in den Organization-Science-Studien von 2015 im Vergleich zu Schikane ab?
Über drei Feldstudien fanden O'Reilly und Kollegen eine Lücke zwischen Wahrnehmung und Realität: Beschäftigte hielten Ostrazismus für akzeptabler und weniger schädlich als Schikane, doch Ostrazismus hing stärker mit verlorener Zugehörigkeit und schlechterem Wohlbefinden zusammen — und er, nicht Schikane, sagte die tatsächliche Kündigung drei Jahre nach der Erhebung vorher. Quelle ↗
05 Welches Muster hing in der großen Erwachsenenstudie von 2010 (N = 1.387) spezifisch mit feindseligen Attributionsverzerrungen zusammen — dem Hineinlesen eines absichtlichen Angriffs in mehrdeutige relationale Situationen?
Murray-Close und Kollegen fanden reaktive — nicht proaktive — relationale Aggression spezifisch mit feindseligen Attributionsverzerrungen und mit Belastung durch mehrdeutige relationale Provokationen verbunden, und häufiger bei Erwachsenen mit intermittierender explosibler Störung. Der Auslöser ist oft eine verzerrte Lesart einer unklaren Situation. Quelle ↗