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FORSCHUNGSAKTE

Die Wissenschaft des Affirmations-Bumerangs

Das verlässlichste Werkzeug der Selbsthilfekultur — eine positive Aussage über sich selbst zu wiederholen, bis man ihr glaubt — hat ein Forschungsproblem.

Eine wegweisende Studie von 2009 von Joanne Wood, W.Q.E. Perunovic und John Lee ergab, dass positive Selbstaussagen für Menschen mit hohem Selbstwertgefühl genau wie versprochen wirken — und für die Menschen, die sie am meisten brauchen, zuverlässig nach hinten losgehen: jene mit niedrigem Selbstwert. Für diese Gruppe erzeugte die Aufforderung, 'Ich bin ein liebenswerter Mensch' zu wiederholen, schlechtere Stimmung und geringere Selbstwertzufriedenheit, als wenn sie es gar nicht wiederholt hätten. Der Mechanismus ist psychologische Reaktanz: Wenn eine Aussage dem widerspricht, was man bereits über sich selbst glaubt, wehrt sich der Geist — und je lauter die Aussage, desto stärker der Widerstand. Das ist kein Versagen der Selbsthilfe. Es ist das, was das Skript der Person, die glaubt, nicht liebenswert zu sein, anpacken soll.

2 studiesin Woods, Perunovics und Lees 2009er Psychological-Science-Artikel, beide mit dem Befund, dass positive Selbstaussagen Teilnehmern mit niedrigem Selbstwert schaden — die erste zu Stimmung und situativem Selbstwert, die zweite replizierend in einem anderen Paradigmaworse mooddas messbare Ergebnis für Teilnehmer mit niedrigem Selbstwert, die 'Ich bin ein liebenswerter Mensch' wiederholen sollten, im Vergleich zu Kontrollen, die es nicht taten — nicht bloß keine Verbesserung, sondern statistisch signifikanter Rückganghigh vs. lowdie Selbstwert-Spaltung, die bestimmt, ob eine positive Selbstaussage hilft oder schadet — dieselbe Aussage, dieselbe Anweisung, entgegengesetzte Ergebnisse je nachdem, wo die Person bereits stehtPsychological Sciencedie führende empirische Zeitschrift der Association for Psychological Science, in der die Befunde von Wood et al. veröffentlicht wurden — eine der meistzitierten Zeitschriften der Psychologie, was auf die methodische Strenge und die peer-reviewed Stellung der Studie hinweist

Wie sich die Wissenschaft verändert hat

  1. 1995

    Frühe Selbstwertforschung zeigt, dass Menschen mit hohem Selbstwert positive selbstbezogene Informationen anders verarbeiten als Menschen mit niedrigem Selbstwert — letztere neigen eher dazu, positives Feedback zu widerstehen und abzuwerten, was den Boden für spätere Affirmationsstudien bereitet.

  2. 2009

    Wood, Perunovic und Lee veröffentlichen 'Positive Self-Statements: Power for Some, Peril for Others' in Psychological Science — die ersten kontrollierten Experimente, die direkt testen, ob das Selbsthilfe-Standardwerkzeug positiver Selbstaussagen allen hilft. Ergebnis: Für Teilnehmer mit niedrigem Selbstwert sank die Stimmung und das situative Selbstwertgefühl durch die Wiederholung von 'Ich bin ein liebenswerter Mensch' im Vergleich zu Kontrollpersonen, die die Aussage nicht wiederholten.

  3. 2009

    Die zweite Studie desselben Papiers ergibt, dass unter Teilnehmern mit niedrigem Selbstwert die Fokussierung auf die positive Selbstaussage den Stimmungsbereich auf ein weniger negatives Band verengt — aber trotzdem schlechtere Ergebnisse produziert als gar keine Anweisung. Die Forscher schließen, dass positive Selbstaussagen keine universell harmlose Intervention sind.

  4. 2009

    ScienceDaily berichtet über die Ergebnisse unter dem Titel 'The Problem With Self-help Books: The Negative Side To Positive Self-statements' und bringt die Forschung einem breiten Publikum nahe, während das zentrale Paradoxon populär wird: Je niedriger das Selbstwertgefühl, desto mehr wirkt eine Affirmation gegen einen.

  5. 2016

    Nachfolgende Forschung zur Selbstaffirmationstheorie (Steele) unterscheidet zwischen 'Selbstaffirmation' — der Reflexion über Grundwerte — und 'positiven Selbstaussagen', und erklärt, warum erstere auch für Menschen mit niedrigem Selbstwert hilfreich sein kann, letztere aber nicht: Wertereflexion erfordert nicht, etwas zu bekräftigen, das man nicht glaubt.

Was Menschen glauben vs. was die Daten zeigen

Der GlaubeWenn man eine positive Aussage über sich selbst oft genug wiederholt, wird man ihr irgendwann glauben — für alle.

Die DatenWoods, Perunovics und Lees kontrollierte Experimente ergaben für Teilnehmer mit niedrigem Selbstwert das Gegenteil: Die Wiederholung von 'Ich bin ein liebenswerter Mensch' verschlechterte ihre Stimmung und ihr situatives Selbstwertgefühl im Vergleich zum Nicht-Wiederholen. Die Aussage brach den Widerstand nicht — sie rief ihn hervor.

Der GlaubeMenschen, die sich am schlechtesten über sich fühlen, profitieren am meisten von positiven Selbstaussagen — sie brauchen den Schub am meisten.

Die DatenDie Studie fand genau das Gegenteil: Positive Selbstaussagen nutzten jenen, die bereits ein hohes Selbstwertgefühl hatten, und schadeten jenen mit niedrigem Selbstwert. Bedarf und Nutzen waren umgekehrt korreliert — die häufigste Annahme in der Selbsthilfe ist empirisch falsch.

Der GlaubeEtwas Positives über sich zu sagen ist bestenfalls neutral — es kann die Dinge nicht verschlimmern.

Die DatenFür Teilnehmer mit niedrigem Selbstwert machte es die Dinge tatsächlich messbar und statistisch signifikant schlechter — die Stimmung sank und das situative Selbstwertgefühl fiel im Vergleich zur Kontrollbedingung. Der Mechanismus (psychologische Reaktanz auf eine selbstdiskrepante Aussage) verursacht aktiv Schaden, versagt nicht nur beim Helfen.

Der GlaubePositive Selbstaussagen sind dasselbe wie Selbstaffirmation — die Forschung gegen erstere gilt gleichermaßen für letztere.

Die DatenSie sind unterschiedliche Konstrukte. Woods et al. Studie betrifft positive Selbstaussagen — direkte Behauptungen über eigene Eigenschaften ('Ich bin liebenswert'). Selbstaffirmationsforschung (Steele) beinhaltet das Nachdenken über persönlich wichtige Werte, was nicht erfordert, eine nicht gehaltene Überzeugung zu bekräftigen, und tendenziell konsistentere Vorteile bringt.

Der GlaubeWenn eine positive Affirmation nicht hilft, bedeutet das nur, dass man nicht hart genug versucht hat oder sie nicht oft genug wiederholt hat.

Die DatenWoods et al. Studien waren kontrollierte Experimente — die Teilnehmer wurden angewiesen, die Aussage zu wiederholen; Aufwand und Wiederholung wurden konstant gehalten. Der Schaden war kein Produkt unzureichenden Aufwands. Er war ein Produkt der Selbstdiskrepanz: Die Aussage widersprach dem, was die Teilnehmer bereits über sich glaubten, und erzeugte Reaktanz, egal wie sehr sie es versuchten.

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  1. 01 Was passierte laut Wood, Perunovics und Lees Studie von 2009 mit Teilnehmern mit niedrigem Selbstwert, die 'Ich bin ein liebenswerter Mensch' wiederholten?

    Die Studie ergab, dass Teilnehmer mit niedrigem Selbstwert, die die positive Selbstaussage wiederholten, mit schlechterer Stimmung und niedrigerem situativem Selbstwertgefühl endeten als Kontrollpersonen, die sie nicht wiederholten — die Affirmation verursachte messbaren Schaden, versagte nicht nur beim Helfen. Quelle

  2. 02 Wer profitierte von positiven Selbstaussagen in der Studie von Wood et al. 2009?

    Teilnehmer mit hohem Selbstwert profitierten tatsächlich von der Wiederholung der positiven Selbstaussage — ihre Stimmung und ihr situatives Selbstwertgefühl verbesserten sich. Dieselbe Aussage half einer Gruppe und schadete der anderen, je nachdem, ob die Behauptung mit dem, was sie bereits über sich glaubten, übereinstimmte oder widersprach. Quelle

  3. 03 Welcher psychologische Mechanismus erklärt, warum positive Selbstaussagen bei Menschen mit niedrigem Selbstwert nach hinten losgehen?

    Wenn eine positive Selbstaussage dem widerspricht, was man bereits über sich glaubt, widersteht der Geist der Diskrepanz — derselbe Mechanismus, der psychologischer Reaktanz gegenüber externer Überredung zugrunde liegt. Für Menschen mit niedrigem Selbstwert ist 'Ich bin liebenswert' eine diskrepante Behauptung, die Gegenargument statt Akzeptanz aktiviert. Quelle

  4. 04 Was ist der wesentliche Unterschied zwischen 'positiven Selbstaussagen' und 'Selbstaffirmation' als Forschungskonstrukten?

    Positive Selbstaussagen (der Fokus von Wood et al.) sind direkte Behauptungen über eigene Eigenschaften — 'Ich bin ein liebenswerter Mensch.' Selbstaffirmation (Steeles Rahmen) beinhaltet das Nachdenken über Werte, die man wirklich hält. Letzteres erfordert nicht, eine nicht gehaltene Überzeugung zu bekräftigen, was erklärt, warum es tendenziell konsistentere Vorteile bringt. Quelle

  5. 05 Welchen Titel gaben Wood, Perunovic und Lee ihrem 2009er Psychological-Science-Artikel?

    'Positive Self-Statements: Power for Some, Peril for Others' fasst den Kernbefund der Studie im Titel zusammen — dasselbe Werkzeug ist für Menschen mit hohem Selbstwert vorteilhaft und für Menschen mit niedrigem Selbstwert schädlich, was es zu einer gezielten und nicht universellen Intervention macht. Quelle

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