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FORSCHUNGS_CHRONIK

Die Wissenschaft des Affirmations-Bumerangs: Warum 'Ich bin liebenswert' die Dinge verschlimmern kann

Das verlässlichste Werkzeug der Selbsthilfekultur — eine positive Aussage über sich selbst zu wiederholen, bis man ihr glaubt — hat ein Forschungsproblem. Eine wegweisende Studie von 2009 von Joanne Wood, W.Q.E. Perunovic und John Lee ergab, dass positive Selbstaussagen für Menschen mit hohem Selbstwertgefühl genau wie versprochen wirken — und für die Menschen, die sie am meisten brauchen, zuverlässig nach hinten losgehen: jene mit niedrigem Selbstwert. Für diese Gruppe erzeugte die Aufforderung, 'Ich bin ein liebenswerter Mensch' zu wiederholen, schlechtere Stimmung und geringere Selbstwertzufriedenheit, als wenn sie es gar nicht wiederholt hätten. Der Mechanismus ist psychologische Reaktanz: Wenn eine Aussage dem widerspricht, was man bereits über sich selbst glaubt, wehrt sich der Geist — und je lauter die Aussage, desto stärker der Widerstand. Das ist kein Versagen der Selbsthilfe. Es ist das, was das Skript der Person, die glaubt, nicht liebenswert zu sein, anpacken soll.

Wie sich die Wissenschaft verändert hat · 19952016

  1. 1995

    Frühe Selbstwertforschung zeigt, dass Menschen mit hohem Selbstwert positive selbstbezogene Informationen anders verarbeiten als Menschen mit niedrigem Selbstwert — letztere neigen eher dazu, positives Feedback zu widerstehen und abzuwerten, was den Boden für spätere Affirmationsstudien bereitet.

  2. 2009

    Wood, Perunovic und Lee veröffentlichen 'Positive Self-Statements: Power for Some, Peril for Others' in Psychological Science — die ersten kontrollierten Experimente, die direkt testen, ob das Selbsthilfe-Standardwerkzeug positiver Selbstaussagen allen hilft. Ergebnis: Für Teilnehmer mit niedrigem Selbstwert sank die Stimmung und das situative Selbstwertgefühl durch die Wiederholung von 'Ich bin ein liebenswerter Mensch' im Vergleich zu Kontrollpersonen, die die Aussage nicht wiederholten.

  3. 2009

    Die zweite Studie desselben Papiers ergibt, dass unter Teilnehmern mit niedrigem Selbstwert die Fokussierung auf die positive Selbstaussage den Stimmungsbereich auf ein weniger negatives Band verengt — aber trotzdem schlechtere Ergebnisse produziert als gar keine Anweisung. Die Forscher schließen, dass positive Selbstaussagen keine universell harmlose Intervention sind.

  4. 2009

    ScienceDaily berichtet über die Ergebnisse unter dem Titel 'The Problem With Self-help Books: The Negative Side To Positive Self-statements' und bringt die Forschung einem breiten Publikum nahe, während das zentrale Paradoxon populär wird: Je niedriger das Selbstwertgefühl, desto mehr wirkt eine Affirmation gegen einen.

  5. 2016

    Nachfolgende Forschung zur Selbstaffirmationstheorie (Steele) unterscheidet zwischen 'Selbstaffirmation' — der Reflexion über Grundwerte — und 'positiven Selbstaussagen', und erklärt, warum erstere auch für Menschen mit niedrigem Selbstwert hilfreich sein kann, letztere aber nicht: Wertereflexion erfordert nicht, etwas zu bekräftigen, das man nicht glaubt.

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