FORSCHUNGS_CHRONIK
Die Wissenschaft der Familienfavorisierung: Was die Forschung wirklich zeigt
Die meisten Eltern beteuern, ihre Kinder 'gleich' zu lieben. Jahrzehnte der Forschung zur elterlichen Ungleichbehandlung — vor allem geprägt durch die langjährigen Studien der Soziologin Jill Suitor mit Familien aus dem Raum Boston — erzählen eine kompliziertere Geschichte: Die meisten Mütter fühlen sich insgeheim einem Kind näher, die meisten zögern, das offen zuzugeben, und ihre erwachsenen Kinder liegen oft falsch damit, wer es ist. Die populäre Vorstellung, die Geburtsreihenfolge selbst erkläre die Persönlichkeit — der bestimmende Erstgeborene, das aufmüpfige Nesthäkchen — wurde an Zehntausenden Menschen geprüft und hat sich größtenteils nicht bestätigt. Was das Wohlbefinden im Erwachsenenalter vorhersagt, ist nicht der Platz in der Geburtsreihenfolge, sondern ob man sich herausgehoben fühlte oder noch fühlt. So hat sich die Wissenschaft von der Alltagstheorie zur Familienbefragung entwickelt.
Wie sich die Wissenschaft verändert hat · 1976–2015
- 1976
Frances Schachter und Kollegen stellen in Developmental Psychology die Theorie der Geschwister-Deidentifikation vor: Geschwister, vor allem solche mit geringem Altersabstand, übertreiben aktiv ihre Unterschiede, um Rivalität und Vergleiche zu verringern — viele 'gegensätzliche' Geschwister wurden also eher unterschiedlich gemacht, als unterschiedlich geboren. ↗
- 1996
Frank Sulloways Buch Born to Rebel macht die These populär, die Geburtsreihenfolge selbst forme die Persönlichkeit über die gesamte Lebensspanne — Erstgeborene konventionell und leistungsorientiert, später Geborene risikofreudige Rebellen — und belebt damit eine jahrhundertealte Alltagstheorie mit neuen historischen Fallstudien. ↗
- 2006
Jill Suitor und Kollegen veröffentlichen '"I'm Sure She Chose Me!"' in Family Relations und vergleichen direkt die Angaben von Müttern und erwachsenen Kindern: Die Kinder lagen recht richtig damit, ob ihre Mutter überhaupt ein Lieblingskind hatte, aber deutlich weniger richtig damit, welches Geschwister es war — und wer nicht das Lieblingskind war, war oft am überzeugtesten davon, es zu sein. ↗
- 2007
In 'Mothers' Favoritism in Later Life' berichten Suitor und Karl Pillemer, dass in Interviews mit 275 Müttern aus dem Raum Boston etwa 70 % ein bestimmtes Kind nannten, dem sie sich am nächsten fühlten, 79 % eine bevorzugte künftige Pflegeperson und 73 % das Kind, mit dem sie am meisten stritten — obwohl die meisten Mütter sichtlich zögerten, überhaupt eine Bevorzugung zuzugeben. ↗
- 2008
Suitor, Sechrist, Plikuhn, Pardo und Pillemer fassen in Current Directions in Psychological Science das aufkommende Rahmenkonzept der 'innerfamiliären Unterschiede' zusammen und argumentieren, elterliche Ungleichbehandlung (PDT) müsse über die gesamte Lebensspanne untersucht werden, nicht nur in der Kindheit, da sich die Favorisierung ständig verschiebt, während Eltern und Kinder älter werden. ↗
- 2010
Pillemer, Suitor und Kollegen berichten im Journal of Marriage and Family, dass erwachsene Kinder, die glaubten, ihre Mutter bevorzuge ein Geschwister — oder benachteilige sie selbst —, im mittleren Erwachsenenalter mehr depressive Symptome zeigten, und dass dieser Effekt sowohl für das bevorzugte als auch das benachteiligte Kind galt, nicht nur für das übergangene. ↗
- 2015
Rohrer, Egloff und Schmukle veröffentlichen in PNAS den bislang größten Test zu Geburtsreihenfolge-Effekten und analysieren über 20.000 Menschen aus Deutschland, den USA und Großbritannien: Die Geburtsreihenfolge zeigte keinen bedeutsamen Effekt auf die Big-Five-Persönlichkeitsmerkmale — ein direkter Widerspruch zur Sulloway-Erzählung, die Geburtsposition präge die Persönlichkeit. ↗