SCENE_01
Der Stuhl, den du immer noch einnimmst
Du sitzt sonntags am Tisch deiner Eltern, auf demselben Stuhl seit du sieben warst, und das Tischgebet beginnt vor dem Essen. Du bewegst die Lippen mit. Nicht weil du die Worte heute glaubst, sondern weil deine Mutter die Augen geschlossen hat und die Hand deines Vaters warm in deiner liegt, und jetzt aufzuhören würde bedeuten, es zu erklären - und erklären fühlt sich an, als würdest du ihnen eine Rechnung überreichen für alles, was sie aufgaben, damit dieser Tisch überhaupt existiert.
SCENE_02
Die Rechnung, um die du nie gebeten hast
Zwischen Gebet und Nachtisch machst du die immer gleiche Rechnung: die Jahre, die sie in dieses Leben um den Glauben herum steckten, was sie nicht kauften, damit das Kirchendach repariert werden konnte, die Freundschaften, die sie deswegen behielten oder verloren. Du machst aus dieser Rechnung eine Schuld mit deinem Namen obendrauf, also bewegst du weiter die Lippen ohne zu glauben, nickst zu Fragen, die du allein anders beantworten würdest, weil die Alternative sich anfühlt, als würdest du Menschen im Stich lassen, die schon bezahlt haben.
SCENE_03
Die Rechnung, die du falsch aufgestellt hast
Ihr Opfer war eine Entscheidung, die sie für ihre eigene Überzeugung trafen, getroffen bevor du mitreden konntest, und nicht davon abhängig, dass du später zustimmst. Dein anders geformter Glaube löscht nicht, was diese Entscheidung ihnen bedeutete, und macht das Dach, die Freundschaften, die Jahre nicht ungeschehen. Heute Abend, allein, schreibst du einen Satz, der ihre Entscheidung von deiner vermeintlichen Verpflichtung trennt - nicht um ihn zu verschicken, sondern um ihn dir selbst vorzulesen, wenn das nächste Gebet beginnt, bevor du bereit bist.