SCENE_01
Der Wecker, den du nicht selbst gestellt hast
Es ist Sonntagmorgen in deiner eigenen Wohnung, kein Anruf, keine Erinnerung. Trotzdem stehst du auf, ziehst dich an und fährst zum Gottesdienst deiner Kindheitsgemeinde, obwohl du seit Jahren woanders wohnst und niemand aus deiner Familie dabei zusieht. Der Gedanke, heute einfach liegen zu bleiben, kommt dir kurz und flüchtig, dann verschwindet er wieder, bevor du ihn zu Ende gedacht hast.
SCENE_02
Was das Hingehen dir erspart
Wenn du gehst, musst du dir nie ausmalen, wie deine Mutter am nächsten Familientelefonat beiläufig fragt, ob du noch zur Kirche gehst, und was du dann antworten würdest. Das Fernbleiben würde bedeuten, eine Erklärung zu haben, eine Position zu vertreten, vielleicht sogar Enttäuschung auszuhalten. Also gehst du lieber weiter, ohne dich je zu fragen, ob du das für dich selbst noch willst.
SCENE_03
Was tatsächlich zu deinem Gewissen gehört
Genauer betrachtet: In dieser Religion aufgewachsen zu sein, verpflichtet dich nicht, jede Praxis lebenslang fortzuführen; Respekt vor deiner Herkunft und eine eigene, andere Entscheidung heute schließen sich nicht aus. Schreib dir vor dem nächsten Sonntag privat auf, was du tun würdest, wenn niemand aus deiner Familie je davon erführe. Zeig es noch niemandem. Lies es dir nur einmal selbst durch.