SCENE_01
Sechs und neun, laut ausgesprochen
Du sitzt an einem Tisch mit gutem Licht und einer Karte, die du noch nicht aufgeschlagen hast. Er oder sie fragt, wie alt deine Kinder sind. Du sagst es schlicht: sechs und neun. Und dann beobachtest du. Nicht die Worte, die Augen: dieses halbe Sekunde nach oben, von dem du entscheidest, dass es Subtraktion bedeutet. Neun von achtzehn. Vorwärts gezählt bis zu dem Jahr, in dem alles 'einfacher' wird. Du redest weiter über die Vorspeise, aber ein Teil von dir steht immer noch bei dieser Zahl und wartet, was sie dich gekostet hat.
SCENE_02
Das Zwölf-Jahre-Urteil, das du selbst geschrieben hast
Du hast die Rechnung schon für ihn oder sie gemacht, jetzt beobachtest du nur noch, um sie zu bestätigen. Jede Pause liest sich als Subtraktion. Jeder Themenwechsel liest sich, als würde jemand still das Alter deiner Kinder unter 'zu lange zum Abwarten' ablegen. Also rundest du ab, wo du kannst — 'fast im Kindergartenalter' statt der genauen Jahreszahl — und lenkst das Gespräch um, bevor jemand bei einer Zahl landet. Du verlässt das Date, nachdem du eine Rechnung aufgestellt hast, die niemand von dir verlangt hat, und dabei sein oder ihr Gesicht nach einer Summe abgesucht hast, die du dir selbst ausgedacht hast.
SCENE_03
Sein oder ihr Taschenrechner ist nicht dein Urteil
Das war die Pause tatsächlich: jemand, der ganz normal über das eigene Leben nachrechnet, so wie jeder es tut, wenn Zeitpläne zur Sprache kommen — Miete, Job, Umzug in eine andere Stadt. Es war kein Urteil über dich. Wer sich zwölf weitere Jahre Schulabholung nicht vorstellen kann, sagt damit etwas über das eigene Leben, keine Note für das Alter deiner Kinder. Sag die Zahl beim nächsten Mal einmal, schlicht, und lass sie unabgerundet stehen. Hör auf, sein oder ihr Gesicht nach der Summe zu bewachen.