FORSCHUNGS_CHRONIK
Die Freundschaftsrezession: Was die Daten wirklich über schrumpfende soziale Kreise zeigen
Wenn dein inneres Skript sagt 'alle anderen haben einen vollen Freundeskreis und nur meine Freundschaften sind ausgedünnt', widersprechen die Daten. 2021 gaben 12 % der Amerikaner an, keinen einzigen engen Freund zu haben — viermal so viele wie die 3 % von 1990 — und der Anteil der Männer ohne engen Freund stieg von 3 % auf 15 %. Zeitverwendungsdaten zeigen: Die tägliche Zeit mit Freunden fiel von rund 60 Minuten im Jahr 2003 auf etwa 20 im Jahr 2020. Nichts davon ist ein persönlicher Defekt: Freundschaft lebt von wiederholtem, ungeplantem Kontakt und gemeinsamen Stunden — rund 200 für einen engen Freund — und das Erwachsenenleben hat leise aufgehört, beides zu liefern. Hier siehst du, wie sich die Wissenschaft der Freundschaftsrezession entwickelt hat — inklusive der Debatte darüber, wie schlimm es wirklich ist.
Wie sich die Wissenschaft verändert hat · 1950–2023
- 1950
Die Westgate-Wohnstudie von Festinger, Schachter und Back zeigt: Freundschaft folgt physischer und 'funktionaler' Distanz — Bewohner befreundeten sich mit den Nachbarn, denen sie durch Türen und Treppenhäuser zwangsläufig begegneten. Propinquität — wiederholter, ungeplanter Kontakt — erweist sich als Grundmotor der Freundschaftsbildung. ↗
- 2006
McPherson, Smith-Lovin und Brashears vergleichen die General Social Surveys von 1985 und 2004: Die mittlere Zahl der Vertrauten, mit denen Amerikaner 'wichtige Dinge besprechen', sinkt von 2,94 auf 2,08, und der Anteil derer, die gar keinen Vertrauten nennen, scheint sich fast zu verdreifachen. ↗
- 2009
Claude Fischer veröffentlicht 'The 2004 GSS Finding of Shrunken Social Networks: An Artifact?' und argumentiert, der drastische Anstieg der Isolation sei unplausibel und wohl ein Erhebungsartefakt; die Autoren antworten, und die Episode wird zur Lehrstunde darüber, wie schwer soziale Isolation zu messen ist. ↗
- 2018
Jeffrey Hall beziffert den Preis der Freundschaft: Bei kürzlich umgezogenen Erwachsenen und Erstsemestern brauchte es rund 50 gemeinsame Stunden vom Bekannten zum lockeren Freund, etwa 90 bis zum Freund und über 200 bis zum engen Freund — und nur Freizeit zählte, nicht bloß nebeneinander verbrachte Arbeitsstunden. ↗
- 2021
Die American Perspectives Survey des Survey Center on American Life dokumentiert die 'Freundschaftsrezession': 12 % der Amerikaner geben keinen engen Freund an (gegenüber 3 % 1990), Männer ohne engen Freund verfünffachen sich von 3 % auf 15 %, und Männer mit sechs oder mehr engen Freunden fallen von 55 % auf 27 %. ↗
- 2023
Die Zeitverwendungsforschung von Kannan und Veazie mit der American Time Use Survey 2003–2020 zeigt landesweit sinkenden sozialen Kontakt und weniger Gesellschaft — die tägliche Zeit mit Freunden fiel von rund 60 Minuten 2003 auf etwa 20 im Jahr 2020 — und der US Surgeon General zitiert den Trend, als er eine 'Epidemie der Einsamkeit und Isolation' ausruft. ↗