FORSCHUNGSAKTE
Postmemory-Katastrophisieren
Postmemory-Katastrophisieren ist das Muster, bei der Lektüre aktueller Bedrohungssignale vom schlimmsten historischen Ausgang auszugehen — angetrieben durch ein psychisches Erbe von Genozid und Verfolgung, das nie direkt erlebt wurde, aber durch Familienerzählungen, Objekte, rituelle Gedenkfeiern und Gemeinschaftsgedächtnis aufgesogen wurde. Hirsch (2008, 2012) beschreibt Postmemory als so mächtig, dass sie bei denjenigen, die sie tragen, 'der Erinnerung ähnelt': die Geschichten und Schweigen der Katastrophenerfahrung eines Eltern- oder Großelternteils werden zur Schablone, gegen die neue mehrdeutige Bedrohungen interpretiert werden. Das innere Selbstgespräch sagt: 'Es ist früher passiert. Es passiert immer irgendwann. Ich brauche jetzt einen Fluchtplan.' Das ist die Erbschaftslast — das Gewicht, eine Wachsamkeitspflicht zu erben, die kein Individuum der heutigen Generation zu tragen gewählt hat.
Wie es im Kopf klingt
Das innere Skript beim Lesen über zunehmenden Antisemitismus in Europa: 'Meine Großeltern dachten auch, Deutschland sei sicher. Was sind meine Möglichkeiten, wenn es schlimmer wird — wohin würden wir gehen? Habe ich genug Unterlagen, um irgendwo die Staatsbürgerschaft zu beantragen? Ich sollte das heute Abend nachschauen.' Die Bedrohung ist real genug, um Aufmerksamkeit zu rechtfertigen; das Postmemory-Skript ist es, was Aufmerksamkeit direkt in Notfallplanung umwandelt und die Zwischenschritte überspringt.